Ein falscher Tritt. Ein Stein, der unter dem Wanderschuh nachgibt. Ein Wetterumschwung, der schneller über den Grat zieht als erwartet. Plötzliche Erschöpfung, Kreislaufprobleme oder ein Hund, der sich an der Pfote verletzt.

Notfälle in den Bergen kündigen sich nicht immer an. Manchmal entstehen sie innerhalb weniger Sekunden. Aus einer entspannten Wanderung wird plötzlich eine Situation, in der Entscheidungen getroffen werden müssen – ruhig, überlegt und möglichst ohne zusätzliche Risiken.

Auch wir sind am liebsten mit dem Gefühl unterwegs, dass alles gut gehen wird. Wir starten früh, prüfen das Wetter, planen unsere Route und packen unseren Rucksack bewusst. Doch die Berge bleiben ein Raum, in dem nicht alles planbar ist. Das Wetter verändert sich, Wege werden schwieriger als gedacht und selbst auf vermeintlich einfachen Touren kann etwas passieren.

Genau deshalb bedeutet Vorbereitung für uns nicht, ständig mit dem Schlimmsten zu rechnen. Sie bedeutet, im Ernstfall nicht vollkommen hilflos zu sein.

Denn wer weiß, was zu tun ist, kann ruhiger handeln. Und manchmal ist genau diese Ruhe das Wichtigste, was man in einer Notsituation dabeihaben kann.

Der erste Schritt: stehen bleiben und durchatmen

Wenn etwas passiert, scheint plötzlich alles gleichzeitig wichtig zu sein. Die verletzte Person braucht Hilfe. Vielleicht wird das Wetter schlechter. Der Hund ist unruhig. Das Handy hat wenig Akku und niemand weiß genau, wie weit die nächste Hütte entfernt ist.

Der erste Impuls ist oft, sofort loszulaufen, jemanden hochzuheben oder hektisch nach dem Telefon zu suchen. Doch bevor wir handeln, müssen wir die Situation verstehen.

Was ist passiert?

Ist jemand verletzt?

Besteht weiterhin Gefahr durch Steinschlag, Absturz, Gewitter oder rutschigen Untergrund?

Befinden wir uns auf einem sicheren Platz?

Kann die betroffene Person angesprochen werden?

Das Wichtigste ist zunächst der Eigenschutz. Niemandem ist geholfen, wenn aus einer verletzten Person zwei werden. Deshalb sollte man sich zuerst gegen Absturz sichern und prüfen, ob Gefahren wie Steinschlag, Lawinen, Verkehr auf einer Bergstraße oder herannahendes Unwetter bestehen. Erst danach beginnt die eigentliche Hilfe.

Manchmal dauert dieser erste Überblick nur wenige Sekunden. Trotzdem verändert er alles. Aus einem erschrockenen Reagieren wird ein bewusstes Handeln.

Die Situation richtig einschätzen

Nicht jeder Zwischenfall ist sofort ein Fall für die Bergrettung. Eine kleine Schürfwunde lässt sich meist selbst versorgen. Eine kurze Erschöpfungspause, etwas Wasser und ein Müsliriegel können manchmal schon helfen.

Anders sieht es aus, wenn eine Person nicht mehr selbstständig weitergehen kann, starke Schmerzen hat, das Bewusstsein verliert, schwer stürzt oder sich die Situation nicht sicher einschätzen lässt. Auch Kreislaufprobleme, Atemnot, starke Blutungen oder eine schnelle Verschlechterung des Zustands gehören in professionelle Hände.

Wir finden den Gedanken wichtig, im Zweifel nicht zu lange allein herumzuprobieren. Am Telefon können die Mitarbeitenden der Leitstelle die Situation mit einschätzen, Fragen stellen und konkrete Anweisungen geben.

Bevor der Notruf gewählt wird, versuchen wir möglichst genau herauszufinden, wo wir uns befinden. Hilfreich sind:

* GPS-Koordinaten aus der Karten-App
* Name der Route oder des Wanderwegs
* letzter Wegweiser
* Name eines Gipfels, Sees oder einer Hütte
* sichtbare Bergbahnen oder Gebäude
* Höhenangabe
* markante Geländepunkte
* Farbe oder Nummer einer Wegmarkierung

Je genauer der Standort beschrieben werden kann, desto leichter finden die Rettungskräfte den Unfallort.

Der richtige Notruf in den Alpen

Im europäischen Alpenraum ist die **112** die wichtigste Nummer, die man sich merken sollte. In Deutschland erreicht man darüber Feuerwehr und Rettungsdienst. In Österreich kann zusätzlich der alpine Notruf **140** gewählt werden; in Vorarlberg gilt für den Rettungsnotruf **144**. In der Schweiz ist die Rega unter **1414** erreichbar, im Kanton Wallis wird für Rettungseinsätze außerdem die **144** genutzt.

Für unsere Touren durch das Grenzgebiet von Allgäu, Österreich und der Schweiz speichern wir die wichtigsten Nummern vor der Abreise im Handy. Noch besser ist es, sie zusätzlich auf einen kleinen Zettel zu schreiben und in das Erste-Hilfe-Set zu legen.

Beim Notruf helfen die bekannten W-Fragen:

Wo befindet sich der Unfallort?
Was ist passiert?
Wie viele Personen sind betroffen?
Welche Verletzungen oder Beschwerden liegen vor?
Wer meldet den Notfall und unter welcher Nummer ist ein Rückruf möglich?

Danach sollte man nicht sofort auflegen, sondern auf Rückfragen warten. Die Leitstelle beendet das Gespräch, wenn alle wichtigen Informationen aufgenommen wurden. Anschließend bleibt das Handy eingeschaltet und möglichst frei für Rückrufe. Lange Gespräche mit anderen Personen kosten Akku und können verhindern, dass die Rettungskräfte einen erreichen.

Wenn möglich, nennen wir beim Notruf auch:

* das aktuelle Wetter
* die Sichtverhältnisse
* den Untergrund
* mögliche Gefahrenstellen
* die Anzahl der Personen in der Gruppe
* ob ein Hund dabei ist
* welche Ausrüstung vorhanden ist
* ob eine Landung in der Nähe grundsätzlich möglich erscheint

Wir entscheiden dabei nicht selbst, welches Rettungsmittel kommen soll. Unsere Aufgabe besteht darin, die Situation ehrlich und möglichst genau zu beschreiben. Die weitere Entscheidung trifft die Leitstelle.

Erste Hilfe, bis Unterstützung eintrifft

In den Bergen kann es länger dauern, bis professionelle Hilfe den Unfallort erreicht. Nebel, Wind, Dunkelheit, schwieriges Gelände oder eine abgelegene Position können einen Einsatz verzögern. Deshalb beginnt die Versorgung nicht erst mit dem Eintreffen der Bergrettung.

Zuerst prüfen wir, ob die betroffene Person ansprechbar ist und normal atmet. Danach folgen die Erste-Hilfe-Maßnahmen, die der jeweiligen Situation entsprechen. Die Leitstelle kann dabei telefonisch anleiten.

Grundsätzlich wichtig sind:

* Ruhe bewahren und die verletzte Person ansprechen
* vor weiteren Gefahren schützen
* starke Blutungen versorgen
* Atmung und Bewusstsein beobachten
* vor Kälte, Wind und Nässe schützen
* unnötige Bewegungen vermeiden
* Anweisungen der Rettungsleitstelle befolgen

Eine Rettungsdecke ist klein, leicht und in einer solchen Situation besonders wertvoll. Doch sie ersetzt nicht immer zusätzliche Kleidung. Wir versuchen deshalb, die betroffene Person möglichst gut gegen den kalten Boden zu isolieren. Ein leerer Rucksack, eine Sitzmatte oder zusammengelegte Kleidungsstücke können dabei helfen.

Auch im Sommer kann ein Mensch schnell auskühlen. Wer verletzt ist, bewegt sich nicht mehr, liegt vielleicht auf feuchtem Untergrund und steht unter Stress. Wind und nasse Kleidung verstärken den Wärmeverlust zusätzlich. Eine Regenjacke, warme Ersatzschichten, Rettungsdecke oder Biwaksack gehören deshalb für uns auf längeren Touren immer in den Rucksack.

Mindestens genauso wichtig ist menschliche Nähe. Ruhig sprechen. Erklären, dass Hilfe unterwegs ist. Nicht ständig über mögliche Verletzungen spekulieren. Nicht sichtbar in Panik geraten.

Manchmal kann man medizinisch nur wenig tun. Doch eine Hand halten, Schutz geben und bei der Person bleiben ist ebenfalls Hilfe.

Was tun, wenn das Handy keinen Empfang hat?

Funklöcher gehören in den Bergen dazu. Täler, Felswände und abgelegene Gebiete können dafür sorgen, dass das Handy plötzlich kein Netz mehr findet.

Zunächst kann man versuchen, den Standort vorsichtig zu verändern – einige Meter in Richtung eines freien Geländepunkts können manchmal ausreichen. Dabei gilt jedoch immer: nicht auf einen ausgesetzten Grat, an eine Absturzkante oder in gefährliches Gelände steigen, nur um Empfang zu suchen.

Ist die verletzte Person versorgt und sicher, kann eine andere Person Hilfe holen. In einer größeren Gruppe sollten nach Möglichkeit zwei Menschen gemeinsam gehen und den Standort, die Route sowie den Zustand der verletzten Person genau kennen. Eine verletzte Person allein zurückzulassen sollte nur die letzte Möglichkeit sein.

Bleibt jeder Versuch ohne Erfolg, gibt es das alpine Notsignal.

Es besteht aus:

* sechs sichtbaren oder hörbaren Signalen innerhalb einer Minute
* danach einer Minute Pause
* anschließend erneuter Wiederholung

Als Signal eignen sich Rufe, Pfiffe mit einer Signalpfeife oder Lichtzeichen mit einer Stirnlampe. Die Antwort erfolgt mit drei Signalen pro Minute, ebenfalls gefolgt von einer Minute Pause.

Eine kleine Pfeife wiegt fast nichts. Sie ist deutlich länger und weiter hörbar als Rufen und hängt bei uns deshalb griffbereit am Rucksack.

Wenn das Wetter zum Notfall wird

Nicht jeder Notfall beginnt mit einem Sturz. Manchmal ist es das Wetter, das eine Tour plötzlich verändert.

Ein Gewitter zieht auf. Nebel nimmt die Sicht. Starkregen macht einen harmlosen Weg rutschig. Die Temperatur fällt und der Wind wird stärker. Plötzlich liegt die geplante Route nicht mehr vor uns, sondern hinter einer grauen Wand.

In solchen Momenten hilft kein Ehrgeiz.

Ein Gipfel läuft nicht weg. Eine Hütte muss nicht um jeden Preis erreicht werden. Und eine Tour wird nicht dadurch erfolgreicher, dass man sie trotz schlechter Bedingungen beendet.

Bei einem herannahenden Gewitter verlassen wir ausgesetzte Grate, Gipfelbereiche, Klettersteige und andere erhöhte Stellen so früh wie möglich. Frei stehende Bäume, Waldränder, wasserführende Bereiche und kleine Nischen direkt unter Felsblöcken gelten nicht als sichere Schutzplätze. Eine geschützte Hütte ist die beste Möglichkeit, sofern sie erreichbar ist, ohne sich zusätzlich in Gefahr zu bringen.

Wenn Dunkelheit, Nebel oder Unwetter eine sichere Fortsetzung unmöglich machen, kann es besser sein, an einem geschützten Ort zu bleiben und Hilfe anzufordern, statt orientierungslos weiterzugehen.

Umkehren ist keine Niederlage.

Umkehren bedeutet, die Berge ernst zu nehmen.

Wenn der Rettungshelikopter kommt

Das Geräusch eines Helikopters löst in einer Notsituation wahrscheinlich vor allem Erleichterung aus. Trotzdem ist auch dann ruhiges Verhalten wichtig.

Um deutlich zu zeigen, dass Hilfe benötigt wird, bildet man mit beiden Armen ein großes **Y** – als Zeichen für „Yes“. Ein Arm zeigt schräg nach oben und der andere schräg nach unten, wenn keine Hilfe benötigt wird.

Lose Gegenstände müssen gesichert werden. Jacken, Mützen, Decken, Leinen und andere leichte Dinge können durch den Rotorwind aufgewirbelt werden. Die Unfallstelle sollte deshalb so gut wie möglich aufgeräumt werden. Während des Anflugs bleibt man am zugewiesenen Platz und befolgt die Anweisungen der Rettungskräfte.

Wir würden unseren Hund bereits vor dem Eintreffen des Hubschraubers kurz anleinen und sicher festhalten. Der Lärm, der Wind und die ungewohnte Situation können selbst bei einem sonst ruhigen Hund Angst auslösen.

Wichtig ist außerdem, niemals eigenständig auf einen gelandeten Helikopter zuzulaufen. Die Annäherung erfolgt ausschließlich nach Aufforderung durch die Besatzung.

Unterwegs mit Hund: Ruhe für zwei bewahren

Mit Hund verändert sich eine Notsituation. Neben der verletzten Person müssen wir auch ein Tier sichern, das die Aufregung spürt, die Situation aber nicht verstehen kann.

Unser Hund orientiert sich stark an unserer Stimmung. Werden wir hektisch, wird auch er unruhiger. Deshalb versuchen wir, ihn zunächst aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu bringen und an einer stabilen Leine zu sichern.

Hilfreich sind:

* ein gut sitzendes Geschirr
* eine stabile Leine
* ein faltbarer Wassernapf
* Wasserreserven
* Pfotenschutz
* ein kleines Hunde-Erste-Hilfe-Set
* eine leichte Decke oder ein Handtuch
* bekannte Snacks zur Beruhigung

Beim Notruf sollte erwähnt werden, dass ein Hund dabei ist. So können sich die Rettungskräfte auf die Situation einstellen.

Ist der Hund selbst verletzt, gilt ebenfalls: Eigenschutz zuerst. Auch ein freundlicher Hund kann aus Schmerz oder Angst schnappen. Wir nähern uns ruhig, vermeiden hektische Bewegungen und sichern ihn so, dass weder er noch wir in weitere Gefahr geraten.

Kleine Wunden oder gereizte Pfoten können unterwegs versorgt werden. Bei stärkeren Blutungen, deutlicher Lahmheit, einem Sturz, Atemproblemen oder einem schlechten Allgemeinzustand braucht auch der Hund professionelle Hilfe. Die Nummer einer Tierarztpraxis oder Tierklinik in der Urlaubsregion speichern wir deshalb möglichst schon vor längeren Touren ab.

Was für den Notfall in den Rucksack gehört

Eine gute Notfallausrüstung muss nicht groß sein. Sie muss erreichbar, vollständig und passend zur Tour sein.

Bei uns gehören dazu:

* Erste-Hilfe-Set
* persönliche Medikamente
* Blasenpflaster
* Rettungsdecke
* Biwaksack oder Notfallplane
* Stirnlampe
* Ersatzbatterien
* Signalpfeife
* vollständig geladenes Handy
* Powerbank und Ladekabel
* Offline-Karten
* klassische Wanderkarte
* warme Ersatzschicht
* Regenjacke
* Mütze und dünne Handschuhe
* ausreichend Wasser
* Energieriegel oder andere Notfallverpflegung
* Notrufnummern der jeweiligen Region
* wichtige medizinische Informationen
* Ausweis und Versicherungskarte

Entscheidend ist nicht nur, diese Dinge dabeizuhaben. Man sollte auch wissen, wo sie liegen.

Ein Erste-Hilfe-Set am Boden eines vollgepackten Rucksacks hilft wenig, wenn zunächst Kleidung, Brotzeit und Kamera herausgeräumt werden müssen. Deshalb packen wir Notfallausrüstung möglichst griffbereit und immer an denselben Platz.

Von Zeit zu Zeit kontrollieren wir den Inhalt. Sind Verbände noch sauber verpackt? Funktioniert die Stirnlampe? Ist die Powerbank geladen? Sind persönliche Medikamente noch haltbar?

Vorbereitung besteht oft aus kleinen Handgriffen. Im Ernstfall können genau sie einen großen Unterschied machen.

Was man nicht in den Rucksack packen kann

Eine Rettungsdecke kann wärmen. Ein Erste-Hilfe-Set kann Verletzungen versorgen. Ein Handy kann Hilfe rufen und eine Stirnlampe kann in der Dunkelheit ein Signal senden.

Doch manches lässt sich nicht einpacken.

Die Bereitschaft, eine Tour abzubrechen.

Die Ehrlichkeit, Erschöpfung zuzugeben.

Die Ruhe, nicht sofort loszurennen.

Das Vertrauen, Hilfe anzufordern.

Und das Wissen, dass der Gipfel nicht wichtiger ist als eine sichere Rückkehr.

Wir wünschen uns für jede Wanderung klare Sicht, trockene Wege und leichte Beine. Wir wünschen uns Pausen an Bergseen, Brotzeit mit Aussicht und einen Hund, der zufrieden durch das Gras läuft. Niemand startet eine Tour mit dem Gedanken, später vielleicht die Bergrettung zu brauchen.

Trotzdem gehört auch dieses Wissen zum Unterwegssein.

Nicht, weil wir Angst vor den Bergen haben.

Sondern weil wir sie respektieren.

Unsere wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Bereitet euch vor, ohne euch die Vorfreude nehmen zu lassen. Lernt Erste Hilfe. Kennt die Notrufnummern. Ladet Karten offline herunter. Sagt jemandem, welche Route ihr gehen möchtet. Schaut aufeinander und hört auf euer Gefühl.

Und wenn wirklich etwas passiert, dann bleibt stehen. Atmet durch. Sichert euch. Ruft Hilfe und handelt Schritt für Schritt.

Denn eine gute Bergtour endet nicht unbedingt auf dem Gipfel.

Sie endet dort, wo alle wieder sicher nach Hause kommen.

Hinweis: Dieser Beitrag vermittelt grundlegende Orientierung und ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs oder die Anweisungen einer Rettungsleitstelle. Im Notfall gelten immer die Hinweise der professionellen Einsatzkräfte.

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